Die Nationale Koordinierungsstelle eTwinning ist angesiedelt bei Schulen ans Netz e.V.

Projekt des Monats Juli 2006

Ghettokids – Unterschicht begegnet und unterrichtet Oberschicht

eTwinning überwindet auch soziale Grenzen

eTwinning-Logo und Flaggen

Kinder und Jugendliche aus Unterschicht und Oberschicht gehen friedlich miteinander um und lernen voneinander. Unmöglich? Dass dies kein Traum sondern Realität ist, zeigen eindrucksvoll das Sonderpädagogische Förderzentrum München Nord und das St. Ludgercollege in Doetinchem / Niederlande. eTwinning bietet den Rahmen dazu, dass dies jeden Tag möglich ist. 


Das Handy klingelt im Unterricht. Susanne Korbmacher, Lehrerin am Sonderpädagogischen Förderzentrum in München, bittet die Kinder der jahrgangsstufengemischten griechischen Klasse ruhig zu sein. Gespannt schauen sie ihre Lehrerin an. Doch dieses Mal melden sich keine Eltern, die kein Deutsch sprechen und dringend etwas mit der Lehrerin besprechen wollen, die Griechisch fließend versteht und spricht. Dieses Mal ist es Gerry Hermsen aus Holland. „Holland - was ist das für ein Land und welche Sprache spricht man dort?“, wollen die Kinder wissen. Gerry Hermsen ist Lehrer am St. Ludgercollege und hat Susanne Korbmacher über „ghettokids“ gefunden. Denn er behandelt gerade das Thema „Unterschicht und Oberschicht“ im Deutschunterricht.

 

Ghetto kids

Ghettokids: Der Startpunkt für das eTwinning-Projekt

„ghettokids – Soziale Projekte e. V.“ ist ein Verein, den Susanne Korbmacher 2000 ins Leben gerufen hat. "ghettokids e. V." will sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen dabei helfen, ihre eigenen Stärken zu entdecken und ein positives Selbstbild zu entwickeln. Der Weg dazu sind Erfolg versprechende Projekte und Aktivitäten. Gerry Hermsen ist von dieser Idee überzeugt und hat sich deshalb an Susanne Korbmacher gewandt. „Für uns stand sofort fest, dass wir zusammen arbeiten wollen. Und eTwinning ist dazu ideal. Wie sonst sollten Kinder und Jugendliche grenzüberschreitend gemeinsame Projekte machen können?“, sagt Susanne Korbmacher.

 

„Ihr unterrichtet die Oberschicht“

Seitdem lernen insgesamt 50 deutsche und niederländische Schülerinnen und Schüler verschiedenster Nationalitäten und Altersklassen von- und miteinander. Doch wie ist das möglich – eine deutsche Förderschule mit Schülern der  Klassen 5 bis 9 und eine holländische Real- und Gymnasialstufe der Klassen 10 bis 12? „Sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche sind häufig kreative Menschen, in denen sehr viel steckt. In unserem eTwinning-Projekt heißt es ‚Ihr unterrichtet die Oberschicht. Ihr könnt alle etwas voneinander lernen’. Wir wollen damit vor allem ihr Selbstwertgefühl stärken. Denn diese Kids haben immer Angst, ihr Gesicht zu verlieren. Für sie ist ihr Gesicht wie ein Display, auf dem draufsteht, was sie alles nicht können oder irgendwann mal angestellt haben“, erklärt Susanne Korbmacher.

 

Sie lernen, um selbst zu unterrichten

Seit September 2005 gibt es das neue ghettokids-Projekt „Salon für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche“. Sozial benachteiligte Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die teils schon seit 1995 an dem intensivpädagogischen Projekt „Thealimuta“ (Theater, Lieder, Musik, Tanz) teilnehmen und fast alle das Förderzentrum besuchten bzw. immer noch besuchen, treffen sich regelmäßig jeden TrommelworkshopSamstagnachmittag in einer großen Privatwohnung im Zentrum von München, um dort gemeinsam bis zum späten Abend zu arbeiten. Gruppenleiter halten den Unterricht ab. Gemeinsam schreiben sie Raptexte, singen deutsche oder englische Lieder, trommeln, tanzen Bauchtanz zu orientalischer Musik oder Hip-Hop.  Und sie dürfen hier zu jeder Zeit an den Computer und ins Internet gehen. Jede Woche gibt es am Förderzentrum München Nord zwei kreative Projektstunden für die 5. bis 9. Klassen, in denen sie sich auf das eTwinning-Projekt "Unterschicht begegnet und unterrichtet Oberschicht" vorbereiten. So bereitet Susanne Korbmacher gemeinsam mit ihren Schülerinnen und Schülern die geplanten eTwinning-Besuche vor, bei denen die Kinder und Jugendlichen ihre holländischen Freunde unterrichten.

 

Der gemeinsame Weblog ist das Tagebuch

Alles, was mit dem Projekt zu tun hat, wird dokumentiert und kommt in den gemeinsamen Weblog, den Gerry Hermsen bei msn angemeldet hat und verwaltet. „Anfangs haben alle Schülerinnen und Schüler Lebensläufe auf Deutsch geschrieben und ausgetauscht. Wir haben diese Texte nicht korrigiert. Das Schöne: So konnten sie sehen, dass alle Fehler machen. Unterschicht wie Oberschicht“, erzählt Susanne Korbmacher. Im letzten
Frühjahr waren zwei niederländische Kollegen mit zwei Schülerinnen in München. Sie nahmen in der Schule an einer Thealimuta-Probe teil, erlebten kreative Workshops zu Rap, Breakdance, Hip-Hop, Trommeln und Bauchtanz, unterhielten sich mit dem aus dem Kosovo stammenden ehemaligen Förderschüler Toni, heute 21 Jahre, und dem Sinto und ehemaligen Realschüler Alex, 22 Jahre, die beide große Rollen in dem Fernsehfilm „ghettokids“ spielten und danach den Sprung auf die Schauspielschule geschafft haben.  „Solche Aktionen kommen natürlich auch ins Internet“, fährt sie fort. Wir tauschen laufend Materialien aus, wie selbst geschriebene Raptexte, Artikel zum Projekt, Bilder und Filme oder persönliche Informationen.“

 

eTwinning überwindet auch eigene Grenzen

Im April dieses Jahres haben sich Schülerinnen und Schüler beider Schulen das erste Mal in Holland getroffen und drei Tage zusammen gelernt. Im holländischen Schullandheim „Wolkenland“ lebten 50 Kids beider Länder fünf Tage zusammen. Zwei Tage lang arbeiteten sie von morgens bis abends intensiv in verschiedenen kreativen Gruppen zusammen, einen Tag verbrachten alle am St. Ludger-College, um mit insgesamt 200 Schülerinnen und Schüler zusätzliche Workshops durchzuführen. Die Arbeitsergebnisse wurden in einer gemeinsamen großen Abendvorstellung vor hunderten von Zuschauern unter tosendem Applaus präsentiert. Für Susanne Korbmacher bietet eTwinning die Kommunikationsbasis, um zwischen den gegenseitigen Besuchen in Kontakt zu bleiben. Inzwischen chatten viele Schülerinnen und Schüler nicht nur in der Schule, sondern sogar täglich in der Freizeit mit ihren niederländischen Freunden. Auf diese Weise wird dasLinda am PC Leben der anderen Stück für Stück greifbarer und der Umgang miteinander verständnisvoller. „Einige niederländische Jugendliche hatten Angst vor mir, weil sie von meiner Vorgeschichte aus Aggressionen und Gewalt gehört hatten“, sagt die 16jährige Linda Mittermüller, „Ich war total geschockt und konnte mir das gar nicht vorstellen. Mittlerweile chatten wir fast täglich alle zusammen und es haben sich Freundschaften entwickelt.“ So hat eTwinning weitaus größere Ausmaße, wie Susanne Korbmacher findet. Es überwindet nicht nur kulturelle, sondern auch soziale und eigene Grenzen.

 

Die letzten Berührungsängste verschwinden

Neben den sozialen Aspekten im Projekt „Ghettokids – Unterschicht begegnet und unterrichtet Oberschicht“ steht die deutsche Sprache im Vordergrund. Viele Förderschülerinnen und –schüler sprachen kein einziges Wort Deutsch, als sie auf die Schule kamen. Und heute? Bei ihrem Treffen in Holland haben sie die niederländischen Oberstufenschülerinnen und –schüler nicht nur in Rap, Breakdance, Bauchtanz oder Trommeln, sondern auch in der deutschen Sprache unterrichtet. Das hat den Schülerinnen und Schülern auch die letzten Berührungsängste genommen. Sie konnten erleben, dass auch die Oberschicht Probleme hat, einen bestimmten Stoff zu erlernen. Da sind alle Menschen gleich. Ende August geht es dann mit den „Top seven“ - den besten sieben Schülerinnen und Schülern - nach Holland, wo sie den holländischen Lehrkräften im Deutschunterricht assistieren. Linda ist auch dabei.

 

Autorin: Bettina Zeidler

 

 

Mehr dazu:

ghettokids – Soziale Projekte e.V.

Alle hatten Angst vor mir Artikel zum Thema Gewalt unter Mädchen auf Geolino.de
Artikel von Linda Mittermüller: Meine erste Reise nach Holland
Susanne Korbmacher: Eindrücke von der Hollandreise
Mehr über ghettokids

 

 

Zusatzinformation:
ist Sonderschullehrerin – Lehrerin für Deutsch als Zweitsprache – Projektentwicklerin, 1. Vorsitzende von „ghettokids – Soziale Projekte e.V.“, Autorin und Referentin. ghettokids – Soziale Projekte e.V. hat viele Talente entwickelt, Susannne Korbmacher weiß, wovon sie spricht. Seit vielen Jahren hat sie den Ansatz ‚Ihr könnt auch etwas’ erfolgreich in den Ghettokidsprojekten erprobt. Verzicht auf Gewalt in jeder Form, auch verbale, und Geben und Nehmen sind das Prinzip. Und das langfristig. Denn auch ehemalige Schülerinnen und Schüler unterstützen den Verein. Ein Beispiel: Toni, 21 Jahre, ist Kosovo-Albaner. Er machte seinen Hauptschulabschluss nach, hat die Aufnahmeprüfung an einer Schauspielschule in München geschafft, dreht in der Hauptrolle momentan wieder einen Kinofilm. Mit einem Ausländeranteil von ca. 60% und sehr vielen sozial schwachen Familien war das Sonderpädagogische Förderzentrum München Nord früher eine der schwierigsten Schulen. Heute ist es eine der friedvollsten. Das Projekt „Ghettokids - Unterschicht begegnet und unterrichtet Oberschicht“ hat bereits den eTwinning-Preis 2006 in Holland erhalten. 

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