Projekt des Monats Dezember 2006
ATB – Across the Bible, across Europe
Mit der Bibel gemeinsame Wurzeln und Werte entdecken

Wie stehen junge Menschen in Europa zur Bibel? Im eTwinning-Projekt „Across the Bible, across Europe“ (ATB) setzen sich Klassen der beiden Gründerschulen Peter-Petersen-Schule in Frankfurt/Main und die portugiesische Partnerschule Escola Secundária de D. Dinis in Lissabon sowie sechs weitere europäische Schulen mit Bibeltexten auseinander. Sie tauschen Materialien über den virtuellen Arbeitsraum von eTwinning "TwinSpace" aus und stellen ihre Arbeitsergebnisse auf der Projekt-Webseite ein. Das Projekt wurde im Schuljahr 2005/2006 mit dem eTwinning-Qualitätssiegel ausgezeichnet.
„Viele Menschen in Europa haben eine Beziehung zur Bibel, und für manche ist die Bibel seit vielen Generationen ein wesentlicher Wert unserer westeuropäischen Kultur“, sagt Irene
Szymanski, Religions- und Englischlehrerin an der Peter-Petersen-Schule. „Doch heutzutage ist es schon fast ein unmoralisches Angebot, die Bibel zu lesen, und es wird häufig belächelt, wenn man die Bibel lesen bzw. über sie sprechen möchte. Dass es jedoch Sinn macht, seine eigenen religiösen Wurzeln zu kennen, ist spätestens in interkulturellen und interreligiösen Dialogen zu spüren. Ich kann nicht über andere Dinge reden, wenn ich nicht selbst meine eigenen Wurzeln kenne.“
Religion ist für den interkulturellen Dialog wichtig
Irene Szymanski, ihrer portugiesischen Kollegin Teresa Fernandes und den neu hinzu gekommenen ATB-Lehrkräften geht es bei „Across the Bible, across Europe“ genau darum: die gemeinsamen religiösen Wurzeln aufzuspüren und zu verstehen, warum Menschen überhaupt an Gott glauben, welche Werte sie miteinander verbinden, und wie Menschen in alten Zeiten gelebt haben. „Gerade für den interkulturellen Dialog brauchen wir dieses Wissen um unsere eigene Kultur“, betont Irene Szymanski. „Mit unserem Projekt wollen wir zum einen über Glaubenssätze und Regeln nachdenken und dabei lernen, mit biblischen Inhalten umzugehen. Zum anderen wollen wir uns mithilfe von Metaphern oder Gleichnissen im alten und neuen Testament zu Werten und Gefühlen auseinandersetzen.“
Die Bibel hilft dabei, über die eigenen Werte nachzudenken
Im ATB-Projekt ist die Bibel deshalb kein verstaubtes Buch, sondern wird im Bezug zur Gegenwart betrachtet: Die Bibel-Charaktere helfen den Schülerinnen und Schülern dabei, ihr eigenes Leben und ihre Werte kennenzulernen. So hilft die Geschichte vom verlorenen Sohn über die Bedeutung der Familie nachzudenken. Oder die Erzählung vom barmherzigen Samariter inspiriert sie dazu, über Mitgefühl und Hilfe zu sprechen. Aspekte wie Wahrheit, Gerechtigkeit, Mitgefühl, Großzügigkeit, Vergebung und Liebe spielen bei der Analyse der Texte eine große Rolle. Werte, die auch europäische Werte sein können und für den interkulturellen Dialog von Bedeutung sind.
„Across the Bible“ ist fester Bestandteil des Unterrichts
Irene Szymanski integriert das eTwinning-Projekt fächerübergreifend zu etwa 50% im Englisch- und Religionsunterricht in ihren 5. bis 10. Klassen. Pro Klasse führt sie ein bis zwei Projekte durch. Bei der Themenwahl richtet sie sich nach dem Curriculum und sucht Anknüpfungspunkte in Bibeltexten und aktuellen Themen, wie beispielsweise die Schlagzeile in den Medien, dass Günter Grass mit einem Kainsmal zu leben habe. Oder Kriege und Konflikte in unserer heutigen Zeit. „Viele Menschen mögen ‚Schwerter zu Pflugscharen’ als Redewendung kennen. Doch wie viele wissen, dass es ein Zitat aus der Bibel ist und was sich dahinter verbirgt?“ fragt Irene Szymanski. „Oder auch die Phrase ‘an eye for an eye, a tooth for a tooth’, die mit dem Exodus des Volkes Israel verknüpft ist?“
Ideen und Praxisbeispiele werden im TwinSpace ausgetauscht
Zur gemeinsamen Reflektion tauschen sich die Schülerinnen und Schüler mit ihrer Partnerschule im Forum des TwinSpace aus, malen eigene Bilder und beschreiben Fotos. Zum Beispiel Bilder vom Denkmal „Schwerter zu Pflugscharen“ vor dem UNO-Gebäude in New York, das einst ein Geschenk Moskaus war und an die DDR-Friedensbewegung erinnert. „Das Malen regt die jungen Menschen dazu an, sich intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen. Häufig entstehen daraus kleine Kunstwerke. Wir scannen und bearbeiten alle Bilder und stellen sie zusammen mit den Texten in den gemeinsamen TwinSpace und schließlich auf die ATB-Website der Peter-Petersen-Schule“, beschreibt Irene Szymanski das Vorgehen.
Per Internet gemeinsame „europäische“ Werte entdecken
Im Forum des TwinSpace suchen sich die Schülerinnen und Schüler auch ihre ganz eigenen Themen. Und privat chatten sie. Irene Szymanski lässt ihnen dabei absolute Freiheit. Dem 15jährigen Schüler Marcel gefällt das besonders: “Auf diesem Wege kann man seine Interessen austauschen und über die Kultur der andern europäischen Staaten etwas lernen. Ich persönlich finde Werte wie Vertrauen oder Aufrichtigkeit wichtig. Ich meine, dass diese Werte den ausländischen Schülern auch wichtig sind. So kann man sagen, dass dies europäische Werte sind.“ Und auch die Schülerin Mia, 15 Jahre, findet das eTwinning-Projekt sehr gut, weil „man mit anderen Leuten kommunizieren kann, egal ob es Meinungen zu Themen sind, die wir in der Schule bearbeiten und ins Internet stellen, oder wir mit ihnen chatten, um mehr über ihr Land und ihre Schule zu lernen.“
Es geht um das pure Leben
Im Austausch mit anderen Kulturen blicken die eTwinning-Klassen über den eigenen Tellerrand und erweitern ihren Horizont. Sie denken über sich selbst, andere Meinungen und Sichtweisen nach. Sie erkennen dabei, dass sie gleiche Werte haben und sich mit denselben Themen beschäftigen. „Das Besondere bei dieser gemeinsamen Arbeit ist, dass sie von großer Solidarität und gegenseitiger Hilfe geprägt ist. Der Unterricht ist interessanter und die Motivation größer. Kein Wunder, denn schließlich geht es bei allen Themen ganz einfach um das pure Leben“, freut sich Irene Szymanski.
Ein Stein, der Kreise zieht
Die Lehrerin hat sich auf den Weg gemacht, um europäische Gemeinsamkeiten auf der Basis von Werten zu entdecken, die in der Bibel beschrieben werden. Mit ihrem Projekt hat Irene Szymanski bereits 2005 gemeinsam mit ihrer portugiesischen Kollegin einen Stein ins Wasser geworfen, der nun Kreise zieht. Neben Portugal und Deutschland sind seit März 2006 zwei polnische Schulen und eine rumänische Gastschule mit dabei. Seit Beginn des neuen Schuljahres auch Schulen aus Estland, Finnland und den Niederlanden. Das Projekt ist offen für Schulen, die sich für das Projekt interessieren und zu aktiver Mitarbeit bereit sind.
Autorin: Bettina Zeidler
Mehr dazu:
Peter-Petersen-Schule Frankfurt
Projekt-Homepage Across the Bible
TwinSpace 2005 des Projekts



