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Projekt des Monats Juni 2008

Nationalsozialismus im Blick – ein deutsch-britisches Internetprojekt 

 eTwinning-Logo mit Fahnen

Zum "Projekt des Monats Juni" hat eTwinning ein Internetprojekt ausgewählt, in dem sich Jugendlliche in deutsch-britischen Teams mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinandersetzten. Die Schülerinnen und Schüler aus Aachen und Tamworth / Staffordshire nutzten Online-Medien für ihren Austausch und zeigen die Ergebnisse ihrer historischen Spurensuche im Internet. 


“We don’t know much about Germans except how to do the Hitler walk”

Wie sehen britische Jugendliche heute die Deutschen? Was verbinden sie mit dem zweiten Weltkrieg und dem Nationalsozialismus? Um sich unterschiedlicher Sichtweisen auf ein sensibles historisches Thema bewusst zu werden, befassten sich Schüler des Couven-Gymnasium in Aachen und des das Rawlett Community Sports College in Tamworth / Staffordshire mit der Geschichte des Nationalsozialismus. Gruppe am Computer

 

“We don’t know much about Germans except how to do the Hitler walk”, schrieb ein britischer Schüler zu Beginn des Projektes in das gemeinsame Forum. Seine Äußerung spielte auf eine Folge der britischen Fernsehserie Comedy-Serie „Fawlty Towers“  der 80er Jahre an. In der Episode „The Germans“ spielt John Cleese einen verschrobenen Hotelbesitzer, der seine deutschen Gäste durch einen "echten deutschen Stechschritt" zu beeindrucken sucht. Wäre es keine „Comedy“, wäre es dann ein interkultureller Fauxpas? Doch woher sollen britische Jugendliche wissen, wie deutsche Jugendliche heute leben und wie sie über ihre eigene Geschichte denken? Anlass genug, um mit Vorurteilen aufzuräumen.

 

Vorurteile abbauen durch gemeinsame Arbeit an sensiblen Themen

Genau darum ging es Rainer Siemund, Lehrer für Geschichte und Englisch am bilingualen Couven-Gymnasium in Aachen, und seiner britischen History-Kollegin Judith Scott. „Wir wollten Vorurteile abbauen. Dazu sollten unsere Schüler gemeinsam in deutsch-britischen Teams an sensiblen Themen der deutsch-britischen Geschichte arbeiten. Sie sollten erkennen, dass auch sie mit diesen Stereotypen gemeint sind, wie sie in 'Fawlty Towers' verbreitet werden. Aus britischer Sicht hieß das, den Blick auch für andere Themen wie z. B. den Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu öffnen. Damit war das Geschichtsprojekt vor allem ein sehr interkulturelles Projekt, das den Schülern ihre eigenen Denk- und Handlungsweisen bewusst machen sollte.

 

Gespannt auf gegensätzliche Meinungen und anregende Diskussionen

Startfolie Präsentation zu VorurteilenDas Thema „Nationalsozialismus“ stand gerade auf dem Lehrplan des 9. Jahrgangs des Rawlett Community Sports College und war auch Inhalt des Unterrichts der 10d des Couven-Gymnasiums. So kam es zu dem Entschluss, das Thema Nationalsozialismus gemeinsam zu erarbeiten. Claudia Kraik, Klassenlehrerin der damaligen 10d und Geschichtslehrerin, hat die eTwinning-Projektidee begeistert unterstützt. Die Schüler selbst waren vor allem neugierig auf ihre Partner, so auch Julian, 17 Jahre: „Mich intererssierte es, mit englischen Schülern zusammen das Thema ‚Vorurteile gegenüber Nachkriegsdeutschland in den englischen Medien’ zu bearbeiten. Wir waren gespannt auf gegensätzliche Meinungen und anregende Diskussionen.“ Und auch seine Klassenkameradin Viktoria, 17 Jahre, meint: „Ich fand es spannend zu erfahren, was für ein Bild unsere Partner von Deutschland und den Deutschen haben.“

 

Selbstorganisation in bi-nationalen Teams

Nach einer ersten interkulturellen Annäherung mit persönlichen Präsentationen im Internet, machten sich die 60 Schülerinnen und Schüler im Alter von 13 bis 16 Jahren an die Arbeit. Sie bildeten je nach Interesse bi-nationale Viererteams. Zur Auswahl standen 15 Themen wie zum Beispiel „The road to dictatorship“, „Youth Organisations“ und „Perceptions of post-Nazi Germany“. Die Teams organisierten ihre Arbeit selbständig. „Ich habe meinen Schülern bewusst sehr viel Freiheit gegeben. Wo Bedarf war, stand ich ihnen im Hintergrund als Moderator zur Seite. Bei manchen lief es gut, bei manchen weniger. Eine gute Vorbereitung für das Berufsleben. Es läuft eben nicht immer alles rund“, sagt Rainer Siemund. Abschließend wurden alle Präsentationen in den TwinSpace, die gemeinsame geschützte Arbeitsumgebung auf www.etwinning.net, geladen.

 

Eine typische bi-nationale Unterrichtsstunde

„Das beliebteste Medium zur Verständigung war eindeutig das interne Forum im TwinSpace, das jede Gruppe für sich hatte. Hier konnten wir gut den Fortschritt des Projektes festhalten“, meint Jan, 16 Jahre. Die History-Schulstunden starteten damit, dass die Schüler in ihren Foren nachsahen, ob sie Fragen oder Beiträge ihrer Partnerschüler erhalten hatten. Danach recherchierten sie im Internet, erstellten weiterführende und kommentierte Link-Listen zu ihren Themen und arbeiteten an ihren Präsentationen. Durch ihre Zusammenarbeit entwickelten die Schüler ganz eigene, unterschiedliche Sprachstile: Im Forum oder im privaten ICQ-Chat die „Chatroomsprache“ und in ihren Präsentationen die seriöse und formale Sprache.

 

Der Altersunterschied erschwerte die Reflektion und Zusammenarbeit

Ein Austausch zu Meinungen und Sichtweisen zwischen den Schülern war nur bedingt möglich. Am Computer„Der Altersunterschied zwischen den  13- bis 14jährigen britischen und 16- bis 17jährigen deutschen Schülern war einfach zu groß. Eine tiefgehende Reflektion war deshalb nur in Ausnahmefällen möglich“, so Rainer Siemund. Das findet auch Viktoria: „Es ist besser, beim „Twinning“ darauf zu achten, dass beide Gruppen ungefähr dieselben Voraussetzungen, wie z. B. das Alter, haben.“ So verlagerte sich der binationale Dialog auf die Wissensebene. In manchen Teams agierten die älteren deutschen Schüler als Tutoren für die jüngeren britischen Schülern und unterstützten sie bei der Recherche und Präsentation der Ergebnisse. Nicht immer unproblematisch erschien den deutschen Schüler der teilweise "unverkrampfte" Umgang ihrer britischen Partner mit nationalsozialistischen Symbolen und Texten, die in Deutschland verboten sind.

 

Lernen mit Widrigkeiten im Team umzugehen

Außer Fachwissen und interkultureller Kommunikation, haben die Schüler vor allem gelernt, dass das Arbeiten in Teams bereichernd sein kann. „Dabei ist es nicht von Bedeutung, immer zu harmonieren“, weiß Rainer Siemund aus seiner beruflichen Praxis. „Denn wenn ich im Berufsleben im Team arbeite, heißt das auch nicht, dass ich mich mit jedem wunderbar verstehe. Es gilt mit Widrigkeiten umzugehen und aus sich persönlich das Beste herauszuholen.“

 

Ausflug in eine andere Welt

Auch wenn eine tiefgehende Reflektion nicht möglich war – der Lerneffekt für die Schüler war insgesamt sehr hoch. „Es war für sie ein Ausflug in eine andere Welt: Sich per Internet aus dem Schulgebäude hinaus und dann in die Welt fremder Schüler in einem anderen Land hineinzubewegen. Das war etwas Besonderes. Durch die gemeinsame Arbeit wurde den Schülern bewusst, welche Interessen und welche politischen Meinungen sie selbst und andere haben. Insofern war es ein intensiver interkultureller Austausch.“

Denn das Verhältnis zwischen Deutschen und Briten ist auch mehr als 60 Jahren nach dem Ende des 2. Weltkrieges noch weitgehend von Vorurteilen und Stereotypen geprägt. Die Partnerschulen sind sich einig: „Unser Projekt hat dazu beigetragen, Vorurteile abzubauen und wir haben damit einen kleinen Schritt hin auf dem Weg zu einem partnerschaftlichen Europa zurückgelegt.“

 

Autorin: Bettina Zeidler

 

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