Projekt des Monats Oktober 2008
Französisch nah am Leben – Mit eTwinning früh das Sprachgefühl entwickeln
Wie lernen Kinder gleich mehrere Fremdsprachen in ihren ersten Schuljahren? Die Katholische Grundschule Eversten in Oldenburg und die französische École Ronsard setzen in ihrem eTwinning-Projekt „Ein Jahr im Leben unserer Schule“ auf Kreativität und Selbstverantwortung und beschreiten mithilfe von Medien neue Lernwege.
„Manche Dinge sind da ganz anders in Frankreich, aber vieles ist auch gleich“, erzählt der neunjährige Matteo. Er und seine Mitschüler der Französisch AG an der Katholischen Grundschule Eversten müssen es wissen, denn sie stehen in engem Kontakt zu ihrer Partnerschule „École Ronsard“ in Montpellier. Mit dem „anders“ meint Matteo beispielsweise die unterschiedlichen Unterrichtszeiten. Denn in der Partnerschule haben die Kinder mittwochs frei und gehen dafür samstags zur Schule.
Französisch ist nichts Wildfremdes mehr
Das alles und noch viel mehr lernen die deutschen Schüler, seitdem sie sich regelmäßig mit ihrer Partnerschule mithilfe von eTwinning austauschen. „Früher haben die Kinder aus dem Buch und für den Lehrer gelernt. Mit eTwinning bekommen sie Informationen aus erster Hand“, berichtet Ellen Siemann, die neben den Standardfächern Sprachen und Computerarbeit an der Katholischen Grundschule Eversten unterrichtet. „Dazu fragen sie einfach ihre Partnerschüler: ‚Wie sieht es bei euch aus?’ Und sie können hören, wie es klingt, wenn die Kinder in Frankreich Deutsch oder Französisch sprechen. So erfahren sie, dass Französisch nicht etwas Wildfremdes ist und sie gar nicht weit fahren müssen, um die Sprache nutzen und erleben zu können.“
Kinder aus der Reserve locken
Vor zwei Jahren hatte Ellen Siemann die Idee, neben Englisch auch Französisch in einer Nachmittags-AG für die dritte und vierte Klasse anzubieten. „Eigentlich ist der Kurs für sprachbegabte Kinder, doch wir wollen damit keine Elite heranzüchten“, erläutert sie. „Wenn Kollegen und ich den Eindruck haben ‚da können wir etwas aus dem Kind herauskitzeln und es aus der Reserve locken’, nehme ich es gern auf. Die AG besuchen auch Kinder anderer Muttersprachen, deren Eltern aus Polen, Russland oder Vietnam kommen. „Ich stelle immer wieder fest, dass diese Kinder besonders sprachbegabt sind“, fügt sie hinzu.
Medien fördern das Hörverstehen
Die Sprachbarrieren in der Kommunikation mit den französischen Partnern zu überwinden, stellt für die Kinder eine große Herausforderung dar. Und für Ellen Siemann als Lehrerin auch, denn sie muss sich, wie sie sagt, „ständig das Wissensniveau der Kinder vor Augen halten, um sie nicht zu überfordern“. eTwinning und der spielerische Einsatz von Medien bieten sich für den Fremdsprachenerwerb im Grundschulbereich besonders an, weil das curriculare Ziel primär das Hörverstehen ist. „Wir haben uns deshalb vor allem über Bilder und Filme verständigt, Audio- und Videodateien ausgetauscht und die Schriftsprache sehr reduziert“, beschreibt Siemann das Vorgehen im Projekt.
Freiraum sorgt für Kreativität
Die Kinder können bei der Ideenfindung und der Umsetzung ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Das war zu Beginn der Französisch AG nicht ganz so, denn da wollte Siemann eher „lehrgangsmäßig“ unterrichten, ähnlich wie im Englischunterricht der dritten und vierten Klassen. „Um Grundlagen zu schaffen ist dies sicherlich auch ganz sinnvoll“, sagt sie. „Doch spätestens nach einem dreiviertel Jahr habe ich mich von diesem Unterrichtsstil gelöst. Seitdem arbeite ich an unterschiedlichen Projekten im Rahmen von eTwinning.“ Irgendwann hat sich die Zusammenarbeit mit ihrer Partnerschule verselbstständigt und Schüler und Lehrer entwickeln immer wieder neue Ideen, so wie es gerade kommt.
eTwinning ist ein riesengroßes Experiment
Ellen Siemann und ihre französische Kollegin Béatrix Vincent wollen die Möglichkeiten der Medien und den TwinSpace, ihre gemeinsamen Arbeitsumgebung auf www.ewtinning.net, zum Fremdsprachenlernen in ihrer ganzen Vielfalt erproben. „Für mich war eTwinning genau wie für die Kinder ein riesengroßes Experiment. Ich kannte mich in elektronischen Schreib- und Präsentationsprogrammen aus, alles andere war auch für mich neu“, so die Französischlehrerin. Aus dem Experimentieren sind inzwischen Filme, Comics und Hörstücke entstanden.
Schulszenen erschließen Wortfelder
Das Projekt „Ein Tag im Leben unserer Schule“ bildet den Rahmen für die deutsch-französische Zusammenarbeit. Dabei stehen das Interesse der Schüler und das Ziel, etwas gemeinsam zu entwickeln, immer im Vordergrund. Auf diese Weise erhalten die Kinder Raum, um spielerisch und mit ihrer eigenen Kreativität an Wortfeldern zu arbeiten. So wünschten sich die Kinder, eine Schulhofszene zu spielen und zu filmen. Sie entwickelten zunächst Texte zu einem Fußballspiel auf dem Schulhof, die sie dann ins Französische übersetzten. Sie spielten ihre kleine Geschichte und filmten die Szenen mit einem Camcorder. Das fertige Video werden sie bald im TwinSpace für ihre französischen Freunde hoch laden. „Anfangs war jeder Film sehr gelenkt und wie ein Theaterstück eingeübt, doch inzwischen arbeiten die Schüler viel freier und selbstständiger“, so Ellen Siemann. Auch die französischen Schüler haben Filme aus ihrem Schulleben produziert und in den TwinSpace eingestellt. Die deutschen Kinder haben sich diese angesehen und an der Tafel notiert, was sie verstanden haben. Anschließend haben sie diskutiert, was bei ihnen genauso oder anders ist.
Uns macht es Spaß, Filme zu drehen
Von einem Frankreichaufenthalt brachte die engagierte Sprachenlehrerin französische Kinderbücher mit. Aus dem Bilderbuch "Viens jouer avec moi, Petite Souris" („Komm spiel mit mir, kleine Maus“) hat sie mit ihren Schülern verschiedene Textteile gelesen. Die Kinder mussten danach die Texte in die richtige Reihenfolge bringen und den jeweiligen Bildern zuordnen. So haben sie sich die Geschichte langsam erschlossen. Nun stellte sich die Frage: „Wie können wir unseren französischen Freunden die Geschichte erzählen?“ Voilà: Eine eigene Bildergeschichte erstellen und verfilmen. Dazu hat sich jedes Kind einen Textteil ausgesucht, ein Bild gemalt und dann den Text selbst gesprochen. „Zuerst war es für die Kinder ungewohnt, in ein Mikrofon zu sprechen und dazu noch in einer anderen Sprache“, erzählt Ellen Siemann. Doch die Hemmschwellen waren schnell genommen, wie sich den Worten von Lieske, 9 Jahre, und Felix, 10 Jahre entnehmen lässt: „Uns macht es viel Spaß, kurze Filme in Französisch oder in Deutsch zu drehen. Die Kinder in Frankreich finden es bestimmt witzig, wie wir sprechen.“ Als Nebenprodukt ist zunächst ein Hörspiel über die kleine Maus entstanden. Als alle Bilder fertig waren, hat Siemann diese abfotografiert, gemeinsam mit jeweils zwei Kindern am PC bearbeitet und schließlich mit einem Filmprogramm hintereinander gereiht.
Gut für das Selbstwertgefühl und den Lernerfolg
Die Ergebnisse präsentierten Lehrerin und Schüler stolz beim Tag der offenen Tür ihrer Schule und reichten sie beim Deutsch-Französischen Jugendwerk ein. Prompt erhielten sie dafür einen Preis. So kann es gehen, wenn das Fremdsprachenlernen nah am Leben bleibt. „Deshalb finde ich meinen Beruf so schön“, sagt Siemann überzeugt. „Ich habe zwar meine Vorgaben, doch in diesem Rahmen kann ich mich frei bewegen. Und wenn ich Spaß habe, dann haben die Kinder auch Spaß. So kann ich die Kinder motivieren.“ Und dass diese Art des Lernens gerade deshalb Früchte trägt, zeigt sich in den Ergebnissen: Viele von den Kindern haben schon nach einem Jahr ein Gefühl für die französische Sprache entwickelt.
Autorin: Bettina Zeidler
Mehr dazu:
TwinSpace mit Projektergebnissen von "Ein Jahr im Leben unserer Schule"
Katholische Grundschule Eversten
Viens jouer avec moi, petite souris! Das Hörspiel zur kleinen Maus (mp3, 2,6 MB)



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